„Was wir heute Kirche nennen …“

Der prominente Kirchenhistoriker Hubert Wolf hat in einer öffentlichen Veranstaltung – so die Berichterstattung darüber – das prägnante Statement abgegeben: „Das, was wir heute Kirche nennen, besteht so erst seit dem 19. Jahrhundert.“

Nun, entweder hat da der Berichterstatter oder die -in gewaltig verdreht oder sich verhört, oder der Satz ist ein schönes Beispiel dafür, dass Prominenz nicht davor schützt, manchmal Unsinn zu reden. Wolf verweist – so der Bericht weiter – auf zahlreiche Beispiele in der seelsorglichen und sakramentalen Praxis, die sich über Jahrhunderte hinweg verändert haben:

In früheren Jahrhunderten sei die Beichte von Menschen abgenommen worden, die sich über ihre Nachfolge qualifiziert haben – „von Nonnen und Mönchen“. 500 Jahre lang habe ein Konsis­torium aus Kardinälen die Entscheidungen in Rom getroffen und nicht der Papst. „Auch die Bischöfe wurden nicht immer von Rom ernannt.“ Weibliche Diakone habe es gegeben. „1.000 Jahre haben Frauen rechtlich als Bischöfe agiert. Erst das Zweite Vatikanische Konzil hat das unmöglich gemacht.

Die Beispiele, die er anführt, stimmen – grundsätzlich. Nur verschweigt er einerseits, dass es für alle diese und mehr von der heutigen Praxis abweichenden Regelungen gute Gründe gab und dass er andererseits „Highlights“ aus zweitausend Jahren Geschichte in kurzer Zeit und wenigen Sätzen zusammenzieht. Da mag der Historiker toleranter sein; dem Systematiker – wie ich nun einmal einer bin – schaudert es.

Diese Sichtweise reduziert die Kirche auf ihr Beiwerk, nämlich auf ihre strukturelle Verfassung, auf ihre historische Gestalt und ihre konkrete organisatorische Erscheinungsform. Ist aber nicht genau das der Kardinalfehler (pun intended)? Wenn wir die Botschaft der Evangelien ernst nehmen; wenn wir uns verdeutlichen, was die theologische und spirituelle Aufgabe der Kirche und ihre Verfasstheit als Volk Gottes ist, dann dürfen wir das Pferd nicht von hinten aufzäumen und die Erscheinungsform für den Inhalt nehmen.

Das Problem ist für mich wohlgemerkt nicht, dass Reformen verlangt werden. Die brauchen wir, das ist unstrittig. Das Problem ist die Argumentation: Mit derselben Legitimität fordern konservative Kreise die Reduktion der katholischen Liturgie auf das Modell des Tridentinums – denn die aktuelle Liturgie in der Volkssprache besteht, um Wolf zu paraphrasieren, erst seit den 1970er Jahren.

Man kann und darf weder Beharrung („Des hamma scho immer so gemacht“) noch Veränderung („Früher wor olles bessa!“) aus historischen Situationen heraus argumentieren. Zentral muss die Orientierung am Evangelium sein, an der Botschaft Christi, die die Menschen heute und an ihren konkreten Orten erreichen muss. „Ich bin gekommen, damit sie das Leben in Fülle haben“ (Joh 10,10b) – das ist der Maßstab, und nicht das Faktum, dass unter völlig anderen Bedingungen andere Regeln gegolten haben mögen (NB: Diakoninnen gab es in der Westkirche schon nach dem Ende der Verfolgungszeit im 4. Jh. nicht mehr; die „Laienbeichte“ war immer umstritten und falls überhaupt eine Lösung in Notlagen; lange vor jedem Kardinalskollegium und erst recht lang vor jedem Papst im heutigen Sinne wurden die Diözesen autonom geleitet – mit allen schlimmen Nebenerscheinungen theologischer Natur, Stichwort Donatismus usw. Es gab für die allermeisten Änderungen, die sich ergeben haben, gute Gründe.).

Daher sollte man nicht die Vergangenheit verklärt lobpreisen, sondern versuchen, sich am Grundanliegen unserer Kirche jeweils neu zu orientieren, im Geiste Jesu allen Menschen konsequent den Zugang zum Heil zu ermöglichen, im Sinne eines gelingenden Lebens, Sterbens und Auferstehens. Alles andere, scheint mir, ist Beiwerk.

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